Am 1. August 1901 dampfte die historische Kleinbahn von Selters nach Hachenburg.

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EISENBAHNARCHIV-WESTERWALD
historischer Schienenverkehr im Westerwald und Umgebung

 

Ein hohes Quarzitvorkommen im Herschbacher Becken sowie Ton und Basalt waren der Grund für den Bau der Bahn der in die Westerwälder Geschichte einging. Drei Dampfloks, vier Personenwagen zwei Postwagen und 54 Güterwaggons gehöhrten seinerzeit der Kleinbahn AG die im März 1900 gegründet wurde. Bis 1932 wurden auf der 23,31 Kilometer langen Strecke Güter und Personen befördert. 1936 wurde der Personenverkehr erneut aufgenommen, obwohl die Fahrgastzahlen damals schon stark gesunken waren. In den 50er Jahren erfuhr der Personenverkehr dann eine kurzfristige Steigerung bis schließlich im Frühjahr 1960 das endgültige Aus kam. Der letzte Güterzug rollte im Oktober 1960 über die historische Strecke.

Buch bei -amazon.de-Nun die Geschichte im Einzelnen. Ich möchte erwähnen, daß ein großer Teil des Textes und der Bilder aus dem Buch "Die Kleinbahn Selters-Hachenburg" von Willi Merzhäuser entnommen wurden. Sie können das Buch im Handel unter der ISBN 3-921679-72-9 erwerben.

 

Planung, Bau und Betriebseröffnung

 

Die Oberwesterwaldbahn von Limburg über Westerburg nach Altenkirchen und die Unterwesterwaldbahn von Limburg über Siershahn nach Altenkirchen waren neun bzw. elf Jahre bereits in Betrieb, als ein Komitee aus Herschbach, im damaligen Unterwesterwaldkreis gelegen, im Frühjahr 1895 beim Regierungspräsidenten in Wiesbaden ein Gesuch einreichte.  Man bat um die Genehmigung "zum Bau einer Schienenverbindung von Marienrachdorf oder selters nach Hattert oder Hachenburg".  Der Regierungspräsident leitete das Gesuch befürwortend zum Minister für öffentliche Arbeiten in Berlin.  Dieser erklärte sich in einem Erlaß vom 29.  Juni des Jahres 1895 damit einverstanden, daß die Bahn nach dem Gesetz für Kleinbahnen vom 28.  Juli 1892 genehmigt werden könne.  Die Königliche Eisenbahndirektion (KED) Frankfurt am Main solle bei der Genehmigung mitwirken.

Interessiert an einer solchen Kleinbahn waren die Besitzer der Quarzitgruben im Raume Herschbach und Freirachdorf und nebenbei natürlich auch die Gemeinde Herschbach.  In etwa zehn Gruben baute man Quarzit im Tagebau ab.  Quarzitwurde als Rohstoff zur Herstellung von Schamottesteinen zum Hochofenbau sowie sonstiger feuerfester Materialien und Silikat-Steinen überwiegend in eigenen Betrieben der Grubenbesitzer im Rheinland, Westfalen und im Siegerland verwendet.  Weil der Fuhrwerkstransport zu der am nächsten gelegenen Unterwesterwaldbahn die Gesamtkosten beträchtlichverteuerte, suchte man den billigeren Eisenbahnanschluß.  Darüber hinaus waren die Gemeinden an einer Erschließung durch die Eisenbahn interessiert.

Bis zur endgültigen Genehmigung sollten dann aber noch vier Jahre ins Land gehen.  Es mußte zunächst ein Bauunternehmer gefunden werden, und vor allem mußte die Finanzierung gesichert sein.  Von Anfang an war die Bildung einer Aktiengesellschaft für den Bau der Kleinbahn vorgesehen.   Der Staat sollte sich nach dem Willen des Ministers an der Aktiengesellschaft beteiligen.  Dies kommt in einem Schreiben des Ministers für Öffentliche Arbeiten an die KED Frankfurt am Main vom 9. März 1899 zum Ausdruck.

Als Bauunternehmer konnte die Aktiengesellschaft für Bahnen und Tiefbauten in Berlin-Schöneberg, deren Vorsitzender Philipp Balke war, gewonnen werden.  Balke arbeitete im November 1896 ein Projekt für eine Bahnlinie von Selters nach Hachenburg aus, das er den Behörden vorlegte.  Er hatte eine Spurweite von 75 cm vorgesehen.  Die beteiligten Behörden wünschten aber die Ausführlich der Bahn in Meterspur.  Im März 1898 reichte Balke der KED Frankfurt neue Baupläne mit Kostenanschlag ein, die aber zur Überarbeitung zurückgegeben wurden.  Die Einführung der Kleinbahnstrecke in die Bahnhöfe Selters und Hachenburg fand in der vorgeschlagenen Form nicht die Zustimmung der KED.  Ferner beanstandete die Landesdirektion in Wiesbaden die vorgesehene maximale Steigung von 1:30 (33 %.) und forderte eine Ermäßigung auf 1:40 (25 %.). Als kleinster Radius für Gleisbögen wurden 100 m, anstatt 80 m, vorgeschrieben.  Auch wurden einige Linienverlegungen verlangt.  Im Juni 1899 legte Balke ein Exemplar der Vorarbeiten unter Berücksichtigung der vorstehend angeführten Forderungen vor.  Am 4. Juli 1899 erteilte dann der Regierungspräsident die Genehmigung zum Bau der Kleinbahn.  Die Pläne wurden in gebundener Form von 16 Heften in den betroffenen Gemeinden offengelegt.  Von den Betroffenen wurden eine Reihe von Einwendungen erhoben, die von den Landräten mit den Beteiligten erörtert und ausgeräumt werden konnten.

Auszug aus dem Buch: Die Kleinbahn Herschbach-Selters, Willi MerzhäuserAm 12.  März 1900 gründeten 11 Personen der Wirtschaft und der Behörden eine Aktiengesellschaft, unter ihnen waren Balke, der Kaufmann Kähler und die Landräte von Montabaur und Marienberg.  Der Sitz dieser Gesellschaft war in Berlin.  Das Grundkapital betrug 1.664.000 Mark.  Die Kleinbahn-AG wurde am 23.  Mai 1900 in das Handelsregister eingetragen.

Die beiden Kreise (Unter- und Oberwesterwaldkreis) brachten die für die Kleinbahn erforderlichen Grundstücksflächen in das Gesellschaftsvermögen ein gegen Überweisung von je 42.000 Mark an C-Aktien.  Die B-Aktien wurden vom Land Preußen und dem Bezirksverband Hessen-Nassau übernommen, während sich die A-Aktien (über 90 % des Kapitals) in den Händen von Balke und seiner Verwandtschaft befanden.  Organe der Aktiengesellschaft waren die Generalversammlung, der Aufsichtsrat und der Vorstand (Direktion).

Die Aktiengesellschaft schloß am 12.  März 1900 mit Balke als Generalunternehmer einen Bauvertrag und am 22.  März 1900 einen Betriebsvertrag ab.

Die Vermessungsarbeiten waren schon 1899 durchgeführt worden.   Das Enteignungsrecht wurde der Aktiengesellschaft mit Erlaß vom 20.  August 1900verliehen.  Nachdem das Terrain von den Gemeinden bereitgestellt worden war, konnte mit dem Bau begonnen werden.  Bauleiter war der Oberingenieur Ostwaldt.  Große Schwierigkeiten gab es beim Bahnbau nicht, so daß die Arbeiten zügig voranschritten.  Am 29.  Juli 1901 fand die landespolizeiliche Abnahme durch die Aufsichtsbehörden statt, an der auch örtliche Gemeindevertreter teilnahmen.  Es wurden folgende Gemeinden von der Bahnlinie berührt: Hachenburg, Müschenbach, Gemarkung Oberhattert, Gemarkung Mittelhattert, Gemarkung Wahlrod, Gemarkung Winkelbach, Höchstenbach, Mündersbach, Herschbach, Rückeroth, Goddert und Selters.

Schon am Donnerstag, dem 1. August 1901, also drei Tage nach der landespolizeilichen Abnahme, fand die feierliche Eröffnung der Kleinbahn statt.  Hierzu berichtet die Westerwälder Zeitung am 3. August 1901 aus Herschbach:

Auszug aus dem Buch: Die Kleinbahn Herschbach-Selters, Willi MerzhäuserUm halb sechs Uhr morgens ging der erste Personenzug von hier ab.  Ungefähr sechs Jahre hat es gedauert, bis das Werk des Bahnbaues zustande kam.  Es hat nicht geringe Mühen gekostet, mancherlei Hindernisse waren zu überwinden, und manchmals schien es, als ob es nicht sein sollte.  Aber Ausdauer und Beharrlichkeit, dem einmüthigen Zusammenwirken verschiedener Kräfte ist es gelungen, das erwünschte Ziel, wenn auch nicht in der Weise, wie es anfangs angestrebt wurde, zu erreichen. Möge die Hoffnung, welche bei dem Festessen im Hotel Bausch, an dem 130 Personen teilnahmen, ausgesprochen wurde, mögen die Erwartungen, weiche die beteiligten Kreise und Gemeinden an das Zustandekommen dieser Bahn geknüpft haben und noch knüpfen, sich erfüllen!  Das wird um so sicherer gehen, wenn die jetzt eröffnete Kleinbahn, die erste im Westerwald, nach den begeisternden Worten des Herrn Landraths Büchting einer lebendigen Wurzel gleicht, die fortlebt und fortwuchert und ihre Ausläufer auf weitere Bezirke des Westerwaldes aussendet.   Insbesondere wird es eine nicht zu umgehende Nothwendigkeit sein, daß diese kurze, aber schöne und sehnswerthe Bahnstrecke sowohl nach Norden als nach Süden ausgebaut werde, nach Norden durch eine Gegend, die überaus reich an unterirdischen Schätzen ist und nach Süden bis an den Rhein, damit die Erze und Mineralien, weiche für die Industrie gewonnen werden, auf dem Wasserwege weiterbefördert werden können.  Wir hegen die sichere Uberzeugung, daß die Wurzel, die nun einmal gepflanzt ist, mit innerer Nothwendigkeit wachsen und treiben werde.

Wie aus der Festrede des Landrates Büchting hervorgeht, waren die weitgesteckten Pläne Balkes bezüglich der Erweiterung der Kleinbahn bei den unteren Behörden auf fruchtbaren Boden gefallen.  Auf diese Pläne soll später noch näher eingegangen werden.  In einer Bekanntmachung in de Westerwälder Zeitung einige Tage vor der Eröffnung der Bahn ist zu lesen, daß das "trockene Gedeck" im Hotel Bausch in Herschbach ganze zwei Mark kostete.  Zur Tei1nahme an der Festfahrt waren selbstverständlich nur "diejenigen Herren" berechtigt, welche eine persönliche Einladung erhielten. DerKostenanschlag schloß mit 1.704.000 Mark ab.  Balke hatte sich aber der Aktiengesellschaft gegenüber verpflichtet, die Bahn für den Betrag des Aktienkapitals von 1.664.000 Mark zu bauen.

Durch die Kleinbahn Selters-Hachenburg wurde der westliche Teil des Ober- und Unterwesterwaldkreises erschlossen.  Die hochgesteckten Erwartungen bezüglich zu befördernder Frachtmengen an landwirtschaftlichen Gütern, Holz, Eisenstein, Ton und Basalt sollten jedoch nicht in Erfüllung gehen.  Die Hoffnung auf Erschließung neuer Grubenfelder nach Eröffnung der Bahn trog.  Im Einzugsgebiet der Kleinbahn wohnten rund 7.000 Einwohner.  Man versprach sich einen regen Personenverkehr.  Ausflugsverkehr erwartete man zum Wallfahrtsort Kloster Marienstatt und zur Burgruine Hartenfels.  Wie sich später dann herausstellen sollte, war dieser Optimismus von zu starkem Wunschdenken geprägt.   Der Personenverkehr blieb, abgesehen von den Nachkriegsjahren nach 1945, stets sehr bescheiden.

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Quelle: "Die Kleinbahn Selters-Hachenburg" von Willi Merzhäuser

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